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Warum mir Vertiefung und Weisheit so wichtig geworden sind

Ein persönlicher Rückblick auf zwanzig Jahre Praxis

Natthi jhānaṁ apaññassa,
paññā natthi ajhāyato;
Yamhi jhānañca paññā ca,
sa ve nibbānasantike.

„Keine Vertiefung für einen ohne Weisheit,
keine Weisheit für einen ohne Vertiefung.
Doch einer mit Vertiefung und Weisheit
ist dem Erlöschen wahrhaft nahegekommen.“

Dhammapada 372 · Übersetzung: Ayyā Sabbamittā (SuttaCentral / Bilara, CC0) · Den Vers im Original lesen

Das Zitat über Vertiefung und Weisheit liegt mir besonders am Herzen. Es beschreibt etwas, das ich in meiner eigenen Praxis genau so durchlaufen habe.

Ich meditiere seit rund zwanzig Jahren. In den ersten zehn davon war ich eigentlich vollkommen zufrieden mit einer sehr unmittelbaren Form der Meditation: erleben, sein, beobachten. Anicca erfahren, Anatta beobachten, immer wieder sehen, wie körperliche Empfindungen und geistige Vorgänge auftauchen, sich verändern und wieder verschwinden.

Gerade am Anfang war das bahnbrechend. Die Schichten im Geist, die dabei sichtbar wurden, waren noch grob und deutlich. Sie direkt anzuschauen und nicht mehr automatisch auf sie zu reagieren, hatte eine enorme Kraft. Ich habe damit über Jahre Erfahrungen und Fortschritte gemacht, die mir zeigten: Diese einfache Praxis trägt.

Mit der Zeit wurde das Erleben aber feiner. Die offensichtlichen Schichten waren nicht mehr das Thema. Was übrig blieb, war subtiler, schwerer zu erkennen und teilweise so selbstverständlich, dass ich es gar nicht mehr als Greifen oder Nichtwissen wahrnahm. Irgendwann hatte ich den Eindruck, mit blossem Beobachten komme ich nicht mehr wirklich weiter. Je subtiler die Schichten, desto genauer musste ich hinschauen.

Da bekam die Vertiefung des Dhamma für mich eine ganz andere Bedeutung. Das genauere Studium der Lehre half mir, geistige Vorgänge feiner zu unterscheiden, und dieses Verständnis nahm ich wieder mit in die Meditation. Was mir vorher eher theoretisch vorgekommen war, wurde auf einmal brauchbar.

Es waren dabei nicht nur die Lehren des Buddha, die mir halfen, das Nichtwissen tiefer zu erkennen. Während meiner Ausbildung in Essenzieller Psychotherapie haben wir selber zahlreiche therapeutische Sitzungen durchlaufen. Dort wurden mir persönliche Themen und Muster bewusst, die ich durch Meditation allein nie erkannt hatte.

Im Rückblick musste ich mir eingestehen: Um manches hatte ich schlicht herummeditiert. Meditation kann sogar zu einer subtilen Form der Flucht werden. Man kann sehr geübt darin sein, Empfindungen, Gedanken und Gefühle zu beobachten, und trotzdem bestimmten Themen ausweichen. Auch das ist Nichtwissen.

Das hat mein Verständnis von Praxis verändert. Eine entwickelte meditative Fähigkeit heisst nicht automatisch, dass die blinden Flecken verschwunden sind. Gerade die feineren Formen von Greifen, Identifikation und Selbsttäuschung können sich dem unmittelbaren Blick lange entziehen.

Deshalb ging es mir zunehmend nicht mehr nur darum, Anicca und Anatta zu beobachten, sondern genauer zu verstehen, was da im Geist eigentlich geschieht: Was bedingt was, wo wird noch gegriffen, wo weiche ich aus? Und wo erkenne ich etwas gerade deshalb nicht, weil es mir so selbstverständlich erscheint?

Für mich gehören darum Meditation, die Vertiefung des Dhamma und ein ehrlicher Blick auf die eigenen Muster zusammen. Die unmittelbare Erfahrung bleibt die Grundlage. Aber je feiner das Erleben wird, desto wichtiger wird die Weisheit, die einem zeigt, worauf man überhaupt schauen muss.

Am Anfang genügte es oft, hinzuschauen. Später musste ich lernen zu verstehen, was ich da eigentlich sehe.

Claudio

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